
Liebe Leserinnen und Leser, nun sind es bei mir vier Monate geworden – und ganz ehrlich: Die Zeit hier vergeht schneller als gedacht. Zwischen Ankommen, Kranksein, Einleben, Arbeiten, Reisen und „Ich schreibe den Bericht morgen wirklich!“ ist der Rundbrief irgendwie immer weiter nach hinten gerutscht. Also: Hier kommt mein Bericht. Etwas später, dafür umso voller.
Meine Ankunft
Am 14. September, spät abends, bin ich schließlich in Ruanda angekommen. Nach einem langen Flug, sehr müden Augen und einem Kopf voller Erwartungen wurde ich von zwei Schwestern und einem Lehrer vom Flughafen abgeholt. Die Reise ging direkt weiter in die Südprovinz nach Muhanga – genauer gesagt in ein sehr kleines Dörfchen namens Mushubati, etwa 20 Minuten von Muhanga (Gitarama) entfernt, wo ich die nächsten zwölf Monate leben und arbeiten werde.
Angekommen im Konvent der Schwestern war kaum noch Kraft übrig. Nach etwa 20 Stunden Reise und einer kleinen Stärkung konnte ich mich endlich in mein Zimmer zurückziehen und schlafen gehen.
Ganz klassisch begann mein Freiwilligendienst mit einem kleinen Hindernis: Mein Koffer kam nicht an. Jemandem musste es ja aber passieren …
Während ich also schon in Ruanda war, machte mein Gepäck noch einen kleinen Urlaub in Amsterdam. Dazu kam, dass ich direkt in den ersten Tagen ziemlich krank wurde. Nicht gerade der Traumstart, aber im Nachhinein eigentlich der Klassiker.
Die ersten Wochen: Ankommen
Die ersten Wochen waren … sagen wir mal: abenteuerlich.
Sie waren geprägt vom Ankommen – körperlich, mental und emotional. Langsam begann ich, meine neue Umgebung kennenzulernen. Die Schwestern nahmen mich unglaublich herzlich auf und halfen mir so gut es ging. Auch ohne viele Worte wurde mir gezeigt: Du bist hier willkommen.
Auch wenn der Start etwas holprig war, habe ich mich schnell wohlgefühlt. Natürlich braucht das Einleben in einem komplett anderen Land Zeit. Trotz Sprachbarrieren und kultureller Unterschiede, die vor allem am Anfang sehr deutlich auffallen, war da von Beginn an viel Offenheit – und auch Humor, mit dem man sich gemeinsam durch die Hindernisse kämpfen konnte.

Memory spielen mit Kindern

Beim Möhrensortieren

Mit den Kindern auf dem Pausenhof
Arbeit: Englisch, Betreuung und jeden Tag etwas Neues
Meine Arbeit besteht hauptsächlich darin, als Englischhilfe in einer Schule zu unterstützen und bei der Betreuung und „Bespaßung“ der Kinder mitzuhelfen. Die Tage sind abwechslungsreich und immer sehr lebendig.
Mindestens genauso viel wie die Kinder lerne ich hier selbst – über Geduld, über Kommunikation ohne viele Worte und darüber, wie unterschiedlich Schule sein kann. In den Pausen zeigen mir die Kinder neue Spiele, an anderen Tagen bringe ich ihnen welche aus Deutschland bei. Es ist immer wieder witzig und spannend, wie gut man sich auch ohne perfekte Sprachkenntnisse verstehen kann – wenn auch manchmal nur mit Händen und Füßen.
Der Schulalltag hier unterscheidet sich stark von dem, was ich aus Deutschland kenne. Natürlich gab es auch Anfangsschwierigkeiten: neue Strukturen, andere Erwartungen, ein ganz anderer Rhythmus. Aber mit jeder Woche wird man sicherer. Vor allem lernt man, dass nicht alles perfekt sein muss.
Die Arbeit mit den Kindern hat mir von Anfang an sehr viel Spaß gemacht. Der Unterricht ist laut, lebendig und manchmal chaotisch. Klassen sind groß, die Materialien begrenzt und Aufmerksamkeit ein wertvolles Gut.
Sobald man die Schule betritt, wird man zuerst von den Nursery-Kindern ausgiebig begrüßt. Meistens läuft das so ab, dass sich innerhalb von Sekunden ein Kreis aus kleinen, neugierigen Kindern um die Füße bildet – alle wollen gleichzeitig umarmen. Eine sehr herzliche, aber nicht ganz ungefährliche Stolperfalle.
Aber auch die älteren Kinder freuen sich jedes Mal sehr und sind mindestens genauso neugierig wie die Kleinen.
Auch wenn es am Anfang etwas ungewohnt war, ständig angefasst zu werden und fast immer irgendwelche Hände in den Haaren zu haben, ist das inzwischen völlig normal geworden. Manchmal wird auch versucht, mir spontan neue Frisuren zu verpassen. Besonders spannend finden die Kinder übrigens meinen Schmuck - und eigentlich alles, was ich mit in die Schule bringe. Egal ob Stift, Buch oder Trinkflasche: Den Kinder entgeht absolut nichts.
Erste Eindrücke von Kigali und dem Land
Was mir sofort aufgefallen ist: wie grün Ruanda ist. Hügel über Hügel, überall Bananenstauden kleine Häuser, Ziegen, Kühe, Hühner auf der Straße, motos, Busse, überall Felder.
Schon früh hatte ich die Möglichkeit, Kigali kennenzulernen. Die Stadt hat mich sofort überrascht: überall grün und an vielen Stellen sehr modern – und teilweise sauberer als so manche Innenstadt in Deutschland.
Auch die Menschen sind sehr offen und freundlich, neugierig, interessiert und hilfsbereit – auf dem Land genauso wie in der Stadt. Auch wenn es am Anfang einschüchternd sein kann, ständig angeschaut zu werden, ist es an vielen Stellen auch sehr hilfreich. Fast immer ist jemand da, der helfen will und kann. Alleine fühlt man sich also selten, und dem berühmt-berüchtigten Rwanda Stare kann man sich hier nicht entziehen.
Am Anfang waren die Umstellung und die kulturellen Unterschiede gar nicht so leicht, aber mit jedem Tag wurde es besser.
Zeit fühlt sich hier irgendwie anders an. Dinge dauern. Menschen nehmen sich Zeit. Und ich musste erst lernen, das nicht als nervigen Stillstand, sondern als einen anderen Rhythmus zu sehen. Nicht alles muss effizient sein. Nicht alles muss sofort passieren.
Langsam findet man sich in die „Africa Time“ ein und kann den deutschen Pünktlichkeitszwang ein Stück weit ablegen – ganz aus dem Kopf wird man ihn aber wahrscheinlich nie bekommen.

Blick auf die tausend Hügel Ruandas

cSonnenuntergang vom Moto auf dem Weg nach Mushubati

Aussicht auf das Convention Centre und Kigali bei Nacht
Weihnachten ohne Advent aber mit viel Gemeinschaft
Weihnachten hier war anders. Advent gibt es nicht wirklich – zumindest nicht in der Form, wie ich ihn gewohnt bin. Kein Adventskranz, keine Plätzchen, keine Weihnachtsmärkte (außer dem im Goethe-Institut). Vielleicht beschreibt „ruhig“ es am besten. Dafür Alltag wie immer, nur mit dem Wissen, dass dieser Tag eine besondere Bedeutung hat.
Den Heiligabend verbrachte ich mit den Schwestern. Es war ruhig und herzlich – und vielleicht genau deshalb eines der ehrlichsten Weihnachtsfeste, die ich bisher erlebt habe.
Über meine Weihnachtsgeschenke, bestehend aus einer gemalten Karte, einem Armband und Süßigkeiten, haben sich die Schwestern und auch die Lehrer unglaublich gefreut, was mir den Tag nochmal verschönert hat.
Um meinen Plätzchenhunger ein wenig zu stillen, habe ich mit den Schwestern versucht, einfache Butterplätzchen zu backen. Geschmacklich ganz okay, äußerlich keine Augenweide. Statt der mir selbstverständlichen Ausstechförmchen mussten eben die Hände herhalten.
Die Weihnachtsfeier in der Schule war auf jeden Fall ein Highlight und ein starker Kontrast zum normalen Schulalltag. Nach verschiedenen Tanzvorstellungen – von Modern Dance bis Traditional Dance – gab es für die Kinder noch ein paar Süßigkeiten, mit denen sie in die Ferien entlassen wurden.

Zu Besuch bei einer Weihnachtsfeier einer Freundin aus Muhanga

Weihnachtsfeier mit den Nursery-Kindern

Kleiner Weihnachtsmarkt im Goethe-Institut in Kigali
Zwischenfazit nach vier Monaten
Vier Monate Ruanda – das bedeutet für mich: viel Lernen, viele erste Male, einige Herausforderungen. Ich fühle mich angekommen, aber noch lange nicht fertig mit Einleben.
Ich merke jetzt schon, dass mich diese vier Monate verändert haben – langsam, aber nachhaltig. Ich bin geduldiger geworden, aufmerksamer und vielleicht auch ein kleines bisschen gelassener.
Ich bin gespannt auf alles, was die nächsten Monate bringen – und verspreche (mehr oder weniger), dass der nächste Rundbrief nicht ganz so lange auf sich warten lässt.
Murakoze cyane – vielen Dank fürs Lesen!
