Brasilien: 2. Rundbrief von Linus Rischbieter
Brasilien
Linus Rischbieter
01.05.2026
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Liebe Leserinnen und Leser, mittlerweile bin ich tatsächlich schon 8 Monate hier in Brasilien und knapp 2/3 meines Freiwilligendienstes liegen somit bereits hinter mir. Irgendwie immer noch etwas surreal, wie schnell die letzten Monate dann im Rückblick doch verflogen sind, gleichzeitig ist seit dem letzten Rundbrief wieder so unglaublich viel passiert:

"Campanha Natal Sem Fome“ - Weihnachten ohne Hunger

Während im Dezember im Colégio Weihnachtsferien waren, habe ich in dieser Zeit auch meine Vormittage bei der Cáritas verbracht, wo in diesem Zeitraum besonders viel los war. Damit zumindest während des Heiligen Festes möglichst wenige Menschen hungrig ins Bett gehen müssen, wurden im Laufe des Dezembers unter dem Motto „Weihnachten ohne Hunger“ Lebensmittelspenden gesammelt. Die Spenden kamen hauptsächlich von verschiedenen kirchlichen Gemeinden der Stadt und ihrem Umfeld, aber auch viele Privatpersonen und Betriebe haben sich darüber hinaus beteiligt, so dass dank der Hilfsbereitschaft vieler Parnaíbaner am Ende eine wirklich sehr beachtliche Menge zusammengekommen ist. Ich habe dabei meine Zeit hauptsächlich damit verbracht, die Spenden anzunehmen, zu zählen, zu sortieren und neu zu verpacken. Die verschiedenen Grundnahrungsmittel (Reis, Bohnen, Kaffee etc.) wurden anschließend zu Essenspaketen zusammengepackt, die dann kurz vor Weihnachten an bedürftige Familien verteilt wurden.

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T-Shirt zur Campanha Natal Sem Fome

Jahreswende

Kurz vor Weihnachten habe ich mich dann vorübergehend von meinem mittlerweile zur zeitweiligen Heimat gewordenen Parnaíba verabschiedet und bin wieder nach Rio de Janeiro

gereist, wo ich auch zu Beginn meines Dienstes schon gewesen war. Meine Mutter kommt ursprünglich selbst aus Rio und meine Familie mütterlicherseits wohnt auch heute noch dort. Einige Tage vorher waren meine Eltern und mein Bruder selbst aus Deutschland angereist, so dass wir dann zehntausend Kilometer weg von zuhause im größeren familiären Kreis alle zusammen die Feiertage verbringen durften. Bei über 30 Grad und einer Palme als Weihnachtsbaum trotzdem ein eher außergewöhnliches Weihnachtsfest, dass mir sicherlich noch einige Zeit in Erinnerung bleiben wird.

An Silvester sind wir dann, zusammen mit schätzungsweise über 2,5 Millionen weiteren Feierlustigen, an der Copacabana, Brasiliens wohl bekanntestem Strand, unfallfrei ins neue Jahr gerutscht. Der Strand und seine Promenade waren wirklich bis zum Platzen voll, dafür war die Stimmung entsprechend ausgelassen und das Feuerwerk über dem Meer umso schöner. Allgemein wird in Brasilien nicht wie in Deutschland üblich selbst geböllert, sondern die Menschen gucken sich an öffentlichen Plätzen gemeinschaftlich öffentlich organisiertes Feuerwerk an.

Während meiner Tage in Rio habe ich mich außerdem noch mit Lilly, Sarah und Louisa, drei weiteren Sofia-Freiwilligen, getroffen, die zur gleichen Zeit zufällig auch in der Stadt waren. Insgesamt waren die Tage in Rio wirklich sehr sehr schön und ich bin unglaublich dankbar, dass ich die Jahreswende auch hier in Brasilien zusammen mit meiner Familie verbringen konnte.

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Silvester an der Copacabana

Reisen

Wenige Tage nach Neujahr bin ich dann zusammen mit meinem Bruder ganz in den Süden Brasiliens in den Bundesstaat Paraná gereist. Dort haben wir uns die Wasserfälle des Flusses Iguaçu angeguckt, die wohl mächtigsten Wasserfälle der Welt. Sie gehören sogar zu den 7 Weltwundern der Natur und liegen genau auf der brasilianisch-argentinischen Grenze,  weshalb es zwei verschiedene Nationalparks auf den jeweiligen Seiten der Länder gibt. Ich denke, dass war das Schönste, was ich in Sachen Natur bis jetzt mit meinen eigenen Augen sehen durfte.

 

Ab dann alleine reisend bin ich von dort aus weiter nach Buenos Aires, einer Stadt, die mir wirklich sehr gut gefallen hat. Neben dem touristischen Pflichtprogramm, wie etwa dem Besuch einer Tangoshow (sehr empfehlenswert) oder einer Führung durch das argentinische Parlament, habe ich dort den Großteil meiner Zeit damit verbracht, mir verschiedenste Stadien anzugucken, wovon es in Buenos Aires wirklich unzählbar viele gibt. Mit meinem in Argentinien nur begrenzt hilfreichem Portugiesisch, Google-Übersetzer, Händen und Füßen und vor allem mit Hilfe vieler wohlwollender Locals durfte ich dabei sogar in den Innenraum vieler Stadien, die sonst eigentlich nicht durch öffentliche Tours zugänglich sind.

Von Buenos Aires bin ich dann per Bus und Fähre in wenigen Stunden weiter nach Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, hauptsächlich um mir dort endlich ein tatsächliches Fußballspiel anzugucken. Leider war das Wetter dort fast meinen ganzen Aufenthalt über regnerisch bis stürmisch, die Stadt machte trotzdem einen recht schönen Eindruck auf mich.

Danach ging es dann nach fast einem Monat weg von „Zuhause“ wieder zurück nach Parnaíba, wo einige Tage nach meiner Ankunft auch die Weihnachtsferien zu ihrem Ende kamen, so dass sich dann recht bald wieder der mir bekannte Alltag einstellte.

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Die Iguaçu-Wasserfälle

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La Bombonera - „die Pralinenschachtel“

Umzug

Kurz nach meiner Wiederankunft ist dann auch direkt etwas weiteres sehr aufregendes passiert, nämlich bin ich umgezogen. Dass ich nach einiger Zeit bei Padre Carlos in eine „richtige“ Gastfamilie ziehe, war dabei von Anfang an so vorgesehen. Die Familie, die aus einem Ehepaar, deren zwei Töchtern, die sich auch ungefähr in meinem Alter befinden (16 und 20) und zwei Schwestern der Mutter (eine in Brasilien nicht zwangsweise sehr unübliche Konstellation) besteht, hat mir von Tag 1 an vollumfänglich ihr Herz geöffnet und mir den Umzug damit umso leichter gemacht. Somit war ich dann nach 5 Monaten in Brasilien auch was die Wohnsituation angeht endlich vollständig angekommen.

Karneval

Schon Wochen vorher konnte man die Vorfreude auf das spüren, was wohl wie nichts anderes sinnbildlich für das Land steht: der Karneval, Brasiliens mit Abstand größtes Volksfest. Am bekanntesten sind dabei wohl die Straßenumzüge der Sambaschulen, die sich auch außerhalb großer Karnevalsstädte wie Rio durchaus sehen lassen können. Abseits des Wettbewerbs der Samabschulen mit ihren aufwendig gestalteten Wagen, Kostümen und Choreos gibt es außerdem über die gesamte Stadt verteilt nahezu an jeder Ecke kleinere, informelle Straßenumzüge, sogenannte blocos. Während diese tagsüber stattfanden, wurde dann während der Karnevalszeit abends gerne auch mal die „Nacht zum Tag gemacht“, mit Live-Auftritten verschiedenster Musiker, die mir selber zwar ehrlicherweise meist eher weniger bekannt waren, innerhalb Brasilien aber wohl trotzdem Superstars sind. Einmal einen Karneval in Brasilien zu verbringen kann ich wirklich jedem nur ans Herz legen.

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Festwagen beim Karnevalsumzug

Zwischenseminar

Nach der Karnevalszeit ging es dann für mich nach Bolivien. Dort sollte unser diesjähriges Zwischenseminar stattfinden. Nachdem ich mir während der Anreise einen Tag lang Santa Cruz de la Sierra, die größte Stadt des Landes, angucken konnte, ging es weiter nach Cochabamba, wo unser Seminarhaus war. Dort habe ich dann auch alle anderen Sofia-Freiwilligen getroffen, die ihren Dienst ebenfalls in Südamerika absolvieren. Außerdem waren noch 4 weitere deutsche Freiwillige dabei, deren Dienst über die Diözese Hildesheim läuft. Über 5 Tage haben wir dann intensiv einen Rückblick auf die letzten 6 Monate gewagt und uns reichlich Gedanken über die zweite Hälfte unseres Freiwilligendienstes gemacht. Ein Highlight des Zwischenseminars war sicherlich der gemeinsame Besuch des Corso de Corsos, der bedeutendsten Karnevalsfeierlichkeit in Cochabamba. Dort haben sich die Leute über das Bestaunen des Karnevalsumzugs hinaus gegenseitig mit Sprühschaum und Wasserpistolen vollgespritzt, was wirklich ein Heidenspaß war. Nach intensiven Seminartagen mit vielen tollen Gesprächen und Begegnungen ging es dann für mich zurück in mein nordostbrasilianisches Zuhause.

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Unsere Zwischenseminargruppe

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Der Christo von Cochabamba

Besuch von Mama

Mitte März hatte ich dann die große Freude, meine Mutter, die ich ja im Januar mit dem Rest meiner Familie bereits in Rio gesehen hatte, in meiner temporären Wahlheimat begrüßen zu dürfen. Sie kommt zwar wie gesagt selber aus Brasilien und hat während ihrer Kindheit auch schon mal im Nordosten Brasiliens gelebt, den Bundesstaat Piauí hatte sie aber bis dato noch nicht kennengelernt gehabt. Ihr einen Teil ihres eigenen Heimatlandes, den sie sonst vielleicht nie von selbst aus besucht hätte, näherbringen zu können, war für mich ein ganz großes Highlight meines Freiwilligendienstes (und für sie wohl auch). Nachdem ich ihr also die Stadt, die Einsatzstelle und am wichtigsten verschiedenste Menschen, die mittlerweile ein wichtiger Teil meines Lebens geworden sind, vorgestellt habe, sind wir noch für ein paar Tage nach Jericoacoara, einen innerhalb Brasiliens sehr bekannten Urlaubsort gefahren, der im östlich an Piauí anliegenden Bundesstaat Ceará liegt. Während meiner Mutter sich von dort aus auf die Rückreise nach Deutschland gemacht hat, ging es für mich mit dem Bus mal wieder zurück „nach Hause“.

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Jericoacoara, Ceará

Ich bin einfach nur wirklich dankbar für die tollen Erfahrungen, die ich in den letzten 8 Monaten hier in Südamerika machen durfte. Auch wenn das Ende meines Freiwilligendienstes so langsam am Horizont sichtbar zu werden scheint, bin ich mir sicher, dass die nächsten 4 Monate nochmal voller spannender Erlebnisse sein werden. In diesem Sinne: até breve!