Dieses Mal berichte ich tatsächlich aus Deutschland. Denn schon seit dem 3.9. befinde ich mich wieder in dem Land, von dem ich mich vor mehr als einem Jahr verabschiedet hatte. Natürlich erzähle ich noch von der Ankunftszeit hier und wie es sich anfühlt. Aber zuerst: Was ist in meinen letzten Tagen in Peru noch so geschehen…?
Am 13.8. fand ein Konzert eines deutschen Knabenchors aus Ulm statt. Der Chor hat Sakralmusik - also Kirchenmusik- vorgetragen, sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch. Es war sogar ein spanisches Lied dabei. Das Konzert war wirklich sehr schön und eindrucksvoll. Am 14.8 kamen sie dann sogar in der Einrichtung vorbei, sodass die Bewohner*innen die Chance hatten ebenfalls dem Gesang zu lauschen.
In den Tagen danach ist nicht viel Aufregendes passiert. Ich habe einfach meine Freizeit genutzt, um noch viel mit Freunden zu unternehmen. Außerdem habe ich langsam mal angefangen, mein Zimmer auszumisten, zu packen und Abschiedsgeschenke zu basteln.
Am 24.8. kamen zwei neue Freiwillige aus Deutschland an. Diese werden jedoch in der Audiometrie, die sich ebenfalls in der Einrichtung befindet, arbeiten. In der Audiometrie werden Hörtests durchgeführt und je nach Ergebnis individuelle Hörgeräte für die Kund*innen angefertigt. Leider gibt es für das Projekt „Santa Dorotea“ keine Nachfreiwilligen, weder von SoFiA noch von einer anderen Organisation. Zumindest keine, die einen einjährigen Freiwilligendienst dort absolvieren. Das ist sehr schade, da es wirklich ein tolles Projekt ist, in dem man viel lernt und Teil einer zweiten Familie wird. Hoffentlich werden in Zukunft wieder Freiwillige dorthin entsandt.
Immerhin konnten wir den neuen Freiwilligen aus der Audiometrie schon ein paar Tipps geben für den Alltag. Außerdem haben wir sie unseren Freunden vorgestellt, wodurch sie direkt schon Anschluss gefunden haben. Sie werden in dem Jahr bestimmt viel erleben und genau so viele Erfahrungen sammeln wie ich. Ich wünsche ihnen alles Gute und eine eindrucksvolle Zeit.
Die Bewohner*innen der Einrichtung Santa Dorotea beim Tanzen
Am 29.8. haben wir eine kleine Abschiedsfeier mit Freunden organisiert. Wir haben getanzt, gegessen und viel gelacht. Es war ein sehr schöner Abschluss. Ich habe außerdem jede Person in ein kleines Büchlein reinschreiben lassen, sodass ich von jedem Abschiedsworte als Erinnerung habe.
Am 31.8. waren wir dann nur mit den Mitarbeiterinnen der Einrichtung essen als Abschluss. Es war ein sehr lustiger Abend. Ich bin sehr beeindruckt von dem, was diese Frauen alles leisten. Sie pflegen nicht nur die Bewohner*innen rund um die Uhr, sondern betreuen sie auch, halten die Einrichtung sauber und sind bei Problemen immer hilfsbereit. Ich bin froh und dankbar, dass die Zusammenarbeit trotz anfänglicher Sprachbarrieren gut funktioniert hat.
Am 2.9. hieß es dann schließlich Abschied nehmen von der Wohnung und der Einrichtung. Am Morgen sind wir mit all unseren Koffern zum Flughafen gefahren und haben sie dort aufgegeben, fast ohne Probleme. ;-) Leider kam beim Transport des Gepäcks zum Flugzeug eine Macke in einen unserer Koffer. Eingewickelt in eine Menge Folie hat er die Reise aber ansonsten gut überstanden. :-)
Anschließend kam der Schulbus mit einigen Kindern aus der Einrichtung noch vorbei, um sich zu verabschieden. Es war schwierig, in diesem Moment zu realisieren, dass ich all diese Menschen, die mir so ans Herz gewachsen sind, so schnell nicht mehr sehen werde. Der Moment, als der Bus schließlich weggefahren ist, wird mir auf jeden Fall sehr genau im Gedächtnis bleiben.
Die letzten Minuten vor dem Abflug haben wir noch mit unseren Freunden verbracht. Es war sehr schwer, sich von ihnen zu verabschieden, wir haben uns immerhin in den letzten Monaten fast jeden Tag gesehen. Umso glücklicher bin ich darüber, dass sie im März tatsächlich nach Deutschland kommen, um uns zu besuchen. :-)
Nele und ich mit unserem Abschiedsgeschenk am letzten Tag in der Einrichtung Santa Dorotea
Abschied von meinem Zimmer in Cajamarca
Am Flughafen in Cajamarca
Gegen 10 Uhr sind wir schließlich in Cajamarca losgeflogen und konnten noch einen letzten Blick von oben auf die Stadt erhaschen. Dann ging es zuerst nach Lima, anschließend nach Sao Paulo (Brasilien) und schließlich nach Frankfurt, wo wir am 3.9. gegen 16:30 Uhr ankamen. Zu unserem Glück hatten auch alle Koffer und Rucksäcke die Reise überstanden. Am Eingang warteten unsere Familien mit Begrüßungsschildern. Das war ein sehr schöner Moment, den ich mir schon vorher öfters vorgestellt habe.
Anschließend sind wir über die deutsche Autobahn nach Hause gefahren. In Peru gibt es auch Autobahnen, aber auf denen war ich nur unterwegs, wenn wir reisen waren. Um Cajamarca herum ist es aufgrund der Berglandschaft nicht möglich, eine Autobahn zu bauen. Es war also ungewohnt, wieder im deutschen Straßenverkehr zu fahren. ;-) Aber tatsächlich hat es sich gar nicht so seltsam angefühlt. Generell dachte ich, dass die Umstellung viel schwieriger wird. Aber es war eher so, als hätte jemand in meinem Kopf einen Schalter umgestellt, wieder auf den „Deutschland-Modus“. Es hat sich gar nicht so angefühlt, als wäre ich ein Jahr weg gewesen.
Den ersten Abend habe ich mit meiner Familie verbracht. Wir haben gemeinsam zu Abend gegessen, viel geredet und gelacht. Es war sehr schön, nach so langer Zeit wieder mit diesen für mich sehr wichtigen Menschen zusammenzusitzen. In den darauffolgenden Tagen habe ich erstmal ausgepackt und mich ein bisschen sortiert, mich mit Freunden getroffen und meine Großeltern besucht.
Am 8.9. hatte ich schon mein Rückkehrgespräch mit einer Ansprechpartnerin von SoFiA e.V. in Trier. Dabei konnte ich bereits das Jahr ein wenig reflektieren und noch offene Punkte aufarbeiten. Danach habe ich mich mit meiner Mitfreiwilligen - Nele - getroffen, da sie in der Nähe von Trier wohnt. Es war sehr spannend, sich darüber auszutauschen, wie das Wiedereinleben in Deutschland läuft. Über einen Videoanruf haben wir dann spontan noch mit unseren peruanischen Freunden und den anderen beiden deutschen Freiwilligen, die wir in Peru kennengelernt hatten, geredet. Das war sehr lustig.
Ein letzter Blick auf Cajamarca aus dem Flugzeug
Unser Gepäck hat die Heimreise gut überstanden
eine "Herzlich Willkommen"-Girlande bei mir zuhause
Auch wenn sich das vergangene Jahr und die Erlebnisse jetzt schon so weit weg anfühlen, werden sie mich für immer prägen. Ich habe so viel erlebt und gelernt in meinem Freiwilligendienst. Jetzt habe ich nicht nur mehr Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Behinderung, sondern habe auch viel über die peruanische Kultur mit ihren Traditionen, Tänzen und Gerichten gelernt. Ich habe mein Spanisch deutlich verbessert, habe viele neue Freunde kennengelernt und unglaublich viele eindrucksvolle Landschaften gesehen.
Peru ist für mich viel mehr als das Bild eines „armes Entwicklungslandes“, das in Deutschland vielleicht manchmal vermittelt wird. Nicht nur landschaftlich hat Peru unglaublich viel zu bieten, sondern auch gesellschaftlich. Was ich während meines Aufenthalts besonders erlebt habe, war ein starkes Gefühl von Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung.
Die Musik- und Tanzkultur, die überall gegenwärtig ist, bringt zudem eine sehr energievolle Stimmung vor allem auch in öffentliche Orte. Das vermisse ich oft hier in Deutschland, wenn ich zum Beispiel mal wieder in der deutschen Bahn stehe und so eine distanzvolle Stille herrscht. Viele Menschen, die ich in Peru kennengelernt habe, strahlen eine solche Lebensfreude aus, was mich sehr inspiriert hat. Vor allem beim Tanzen habe ich diese Energie und Freiheit auch gespürt.
Das tägliche Bedanken bei Gott für das Essen und alles, was man besitzt, hat mich auch beeinflusst. Ich war davor natürlich auch sehr dankbar für meine Lebensumstände, aber jetzt bin ich nochmal dankbarer auch für Dinge, die für mich immer normal gewirkt haben. Zum Beispiel trinkbares Wasser aus dem Wasserhahn, die Möglichkeit, Toilettenpapier in die Toilette zu werfen, oder auch Mülltrennung.
Auch im Bereich Arbeit mit Menschen mit Behinderung und Inklusion habe ich viel gelernt. Nach einer bestimmten Zeit in der Einrichtung „Santa Dorotea“ wurde es so normal für mich, mit den Bewohner*innen zu arbeiten. Wenn man im Alltag kaum Kontakt zu Menschen mit Behinderung hat, kann es zunächst ungewohnt sein, ihnen zu begegnen. Wenn man jeden Tag mit ihnen zu tun hat, fällt auf: Sie sind ganz unterschiedliche Menschen mit eigenen Persönlichkeiten, Interessen, Stärken und Schwächen - genau wie alle anderen auch. Es gibt immer noch so viele Vorurteile und Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung.
Ich finde es also wichtig, mehr ins Gespräch zu kommen, zum Beispiel durch Projekte in der Schule, Freiwilligendienste oder einfach im Alltag. Die Inklusion muss weiter gefördert werden, auch im Bezug auf Ausbau von barrierefreien Gebäuden, Bahnsteigen, Gehwegen usw.
In Cajamarca (Baños del Inca) war es leider sehr schwierig, mit den Rollstühlen voranzukommen, da die Gehwege sehr hoch gebaut sind, vor allem wegen des vielen Regens. Zum Teil mussten wir auch am Straßenrand laufen. In Deutschland gibt es mittlerweile viele Bemühungen um mehr Inklusion und Barrierefreiheit. Trotzdem bestehen weiterhin sowohl bauliche als auch gesellschaftliche Barrieren.
Ich habe von den Menschen in der Einrichtung so viel Liebe zurückbekommen ohne bestimmte Erwartungen. Und dafür bin ich sehr dankbar. Die Arbeit mit ihnen war so wertvoll, und meistens auch sehr lustig. ;-) Ich wurde in die „Santa Dorotea“ Familie aufgenommen und Cajamarca wurde wie ein zweites Zuhause für mich.
Jetzt heißt es für mich erstmal einen neuen Alltag aufbauen und mich wieder hier in Deutschland einleben. Ich bin mir sicher, dass meine Erfahrungen mir in Zukunft oft helfen werden. Ich werde die Zeit auf jeden Fall niemals vergessen und bleibe hoffentlich auch mit den Menschen aus Cajamarca in Kontakt.
Vielen Dank für das Lesen meiner Rundbriefe! Ich hoffe, es war interessant, meine Zeit in Peru mitzuverfolgen. :-)
