
Liebe Leserinnen und Leser, es ist schon wieder unglaublich viel passiert, und die Zeit vergeht schneller, als ich gedacht hätte. Von meinem Jahr in Ruanda liegen nur noch drei Monate vor mir. Besonders die ersten Wochen fühlten sich damals endlos an, und oft konnte ich mir kaum vorstellen, irgendwann überhaupt meinen ersten Rundbrief zu schreiben. Nun bin ich schon beim dritten.
In meiner neuen Wohnung geht es mir sehr gut. Der Umzug hat meinen Alltag deutlich verändert, und ich genieße meine Zeit in Ruanda inzwischen auf eine viel ruhigere und ausgeglichenere Weise. Ich bin sehr dankbar, dass es für mich möglich gemacht wurde umzuziehen.
Meine Wochenenden verbringe ich nach wie vor am liebsten in Kigali. Neben den vielen guten Cafés und günstigen Restaurants ist Kigali einfach eine sehr schöne und lebendige Stadt. Im Vergleich zu Muhanga und besonders zu Mushubati gibt es dort deutlich mehr Möglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen. Auch wenn ich dachte, ich hätte mich mittlerweile an das Leben auf dem Land gewöhnt, ist Mushubati noch einmal eine ganz eigene Erfahrung und ein anderes Level von Landleben. Deshalb tut mir die Zeit in Kigali immer wieder gut.
Ein Thema, das mich nach wie vor beschäftigt, ist die Aufmerksamkeit, die ich als weiße Person hier oft bekomme. Besonders außerhalb von Kigali falle ich im Alltag sehr auf. Daran gewöhnt man sich zwar bis zu einem gewissen Grad, wirklich angenehm wird es aber nicht. Nach meinem kurzen Aufenthalt in Deutschland ist mir dieser Unterschied sogar noch stärker aufgefallen als zuvor.
Dieser Aufenthalt in Deutschland war ohnehin etwas Besonderes. Die vergangenen Monate waren vor allem von der Vorbereitung auf den Medizinertest geprägt, den ich im Mai geschrieben habe. Dafür bin ich für kurze Zeit zurück nach Deutschland gereist. Einerseits war es natürlich schön, Familie und Freunde wiederzusehen. Andererseits wurde mir dort zum ersten Mal wirklich bewusst, was mit dem Begriff „Reverse Culture Shock“ gemeint ist. Viele Dinge, die früher selbstverständlich für mich waren, fühlten sich plötzlich ungewohnt an – von riesigen Supermärkten über das Autofahren bis hin dazu, nicht mehr ständig aufzufallen.
Als der Test schließlich geschafft war, fiel mir eine große Last von den Schultern, und ich konnte mit einem guten Gefühl nach Ruanda zurückkehren. Zum zweiten Mal nach Ruanda zu fliegen, fühlte sich ganz anders an als bei meiner ersten Reise vor neun Monaten. Diesmal wusste ich, was mich erwartet. Mir wurde dabei bewusst, wie gut ich mich inzwischen im Land orientieren kann und wie vertraut mir vieles geworden ist. Es war ein besonderes Gefühl, nicht mehr als völlig verunsicherter Neuankömmling in ein fremdes Land zu reisen, sondern an einen Ort zurückzukehren, der für mich inzwischen irgendwie doch wie ein zweites Zuhause geworden ist.

Beim Mittagessen

Die Wahl der Klassensprecher

In einer der Nursery Klassen
Am 7. April begann die 32. Gedenkperiode des Genozids an den Tutsi in Ruanda, „Kwibuka 32“. Kwibuka bedeutet übersetzt so etwas wie „sich erinnern“. Über das ganze Land verteilt fanden Gedenkveranstaltungen statt. Die Gedenkzeit dauert traditionell 100 Tage und entspricht damit den etwa 100 Tagen des Genozids von 1994.
Besonders eindrücklich finde ich, wie sehr sich das Land aufgebaut und entwickelt hat, obwohl dieses dunkelste Kapitel der ruandischen Geschichte erst 32 Jahre zurückliegt und ein Großteil der Bevölkerung es selbst miterlebt hat. Gespräche über diese Zeit verlaufen sehr unterschiedlich. Ich hatte einige interessante Gespräche mit Menschen, die viel über die Geschichte und die Entwicklungen vor und nach dem Genozid wissen. Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt, dass Menschen ganz offen sagen, dass sie darüber nicht sprechen möchten oder nicht sprechen können. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Erinnerung an diese Geschichte hier sehr ernst genommen wird und dass Aufklärung und Erinnerungsarbeit auch an die jüngeren Generationen weitergegeben werden.
Anfang Juni fand außerdem das Botschaftstreffen der Freiwilligen statt. Es war schön, in den für viele bereits letzten Wochen noch einmal zusammenzukommen. Gleichzeitig war es eine gute Gelegenheit, neue Freiwillige kennenzulernen, denen man trotz der vielen Monate in diesem sehr kleinen Land bisher noch nicht begegnet war.
Auch an der Schule ist in den vergangenen Wochen einiges passiert. Das große Gesprächsthema war der diesjährige Schulausflug. Nachdem die Kinder im vergangenen Jahr den Lake Kivu besucht hatten, ging es dieses Mal nach Kigali.
Unser erstes Ziel war der Eco Park. Dort bekamen wir eine Führung durch den sogenannten Medical Garden und erfuhren viel über verschiedene Pflanzen und ihre traditionelle Verwendung. Besonders beeindruckend waren die riesigen Bambushaine, durch die sich die Wege des Parks ziehen.
Anschließend besuchten wir den Pope’s Garden. Er befindet sich an dem Ort, an dem Papst Johannes Paul II. im Jahr 1990 – also nur vier Jahre vor dem Genozid – während seiner apostolischen Reise nach Ruanda eine große Messe für die Bevölkerung hielt. Seine Predigt stand vor allem unter den Themen Frieden, Versöhnung und dem Überwinden der damals bereits spürbaren ethnischen und sozialen Spannungen. Die Anlage wurde erst 2021 fertiggestellt und wird bis heute von vielen Menschen zum Beten und Meditieren genutzt.
Nach dem Besuch des Parks ging es noch weiter zu einer Art Freizeitpark, wo die Kinder spielen und sich austoben konnten.
Für viele Kinder war allerdings schon die Fahrt durch Kigali ein besonderes Erlebnis. Viele hatten Orte wie das Amahoro Stadium oder den Convention Centre bisher noch nie gesehen. Die Aufregung und Begeisterung im Bus waren deutlich zu hören und zu spüren. Durch meine regelmäßigen Wochenenden in Kigali kenne ich viele dieser Orte inzwischen gut, und es war etwas Besonderes, sie einmal durch die Augen der Kinder zu erleben.
Die längeren Mittagspausen verbringe ich inzwischen oft gemeinsam mit den Kindern. Häufig hören wir Musik, tanzen oder unterhalten uns. Auch die Buntstifte, die mittlerweile auf Anfrage immer in meiner Tasche dabei sind, sind sehr begehrt. Vor allem die jüngeren Kinder aus der nursery haben große Freude am Malen und Tanzen.

Im Eco Park

Eine typische Malstunde
Zurzeit laufen außerdem die Vorbereitungen für die Graduation-Feier auf Hochtouren. Es wird geprobt, getanzt und organisiert. Die verschiedenen Gruppen werden traditionelle und moderne Tänze aufführen, und auch der Chor probt bereits fleißig.
Gleichzeitig wird mir immer bewusster, dass die Schule Anfang Juli endet und damit meine letzten gemeinsamen Wochen mit den Kindern beginnen. Dieser Gedanke macht mich etwas traurig, weil sie über die vielen Monate hinweg wirklich zu meinem Alltag gehört haben und ich sehr viel Zeit mit ihnen verbracht habe. Über die Monate sind viele enge Beziehungen entstanden. Deshalb wird mir der Abschied nicht leichtfallen, und wie ich ihn gestalten möchte, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht so genau.
Umso mehr versuche ich jetzt, die verbleibenden Monate bewusst zu genießen und noch ein paar Dinge von meiner Ruanda-Liste abzuhaken, bevor meine Zeit hier zu Ende geht.
Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Rundbrief!

Im Eco park

Sonnenuntergänge sind immer wieder eine Highlight
