
Ein bisschen überrascht war ich, als auf einmal schon der zweite Rundbrief anstand. Es kommt mir noch nicht so vor, als wäre ich schon so lange hier. Aber wenn ich die letzten Monate nochmal Revue passieren lasse, fällt mir auf, dass doch mehr passiert ist als ich direkt präsent habe.
Urlaub und Zwischenseminar
Aber fangen wir von vorne an: Über Neujahr war ich mit meiner Mitfreiwilligen Romy und zwei anderen Freiwilligen in Kenia im Urlaub. Ich fand es sehr faszinierend die Unterschiede zwischen den beiden Ländern zu entdecken, die teilweise trotz der geographischen Nähe, sehr groß sind. Insbesondere der Unterschied zwischen Kigali und Nairobi war enorm. Kigali wirkte schon fast klein und leer, während Nairobi voller und auch aktiver zu sein schien. Direkt am Stadtrand ist außerdem der Nairobi National Park, in dem wilde Tiere frei leben und gleichzeitig im Hintergrund trotzdem noch die Millionenstadt thront. Von dort sind wir weiter nach Mombasa an die Küste und haben noch ein paar Tage am Strand genossen.
Von unserem Urlaub sind Romy und ich direkt weiter nach Entebbe in Uganda zu unserem Zwischenseminar gereist. Diese Seminare sind für alle Weltwärts-Freiwilligen verpflichtend und bieten die Möglichkeiten für Reflektion, Vernetzung und Vorbereitung. Also waren wir in Sichtweite des Viktoriasees mit 20 andere deutschen Freiwilligen und drei Seminarleiter*innen für 9 Tage in einem schönen Seminarhaus und haben uns mit Themen wie Privilegien, Kulturunterschiede und den Umgang mit Problemen auseinandergesetzt. Es bliebt aber auch noch genug Zeit für Gespräche und bekannte, pädagogisch wertvolle, wenn auch oft leicht unangenehmen Gruppenspiele haben auch nicht gefehlt. Mein persönliches Highlight war jedoch die anderen kennenzulernen und mich mit ihnen auszutauschen. Auch hier habe ich gemerkt, dass die Länderunterschiede doch groß sind, selbst zwischen den Nachbarländern Uganda und Rwanda.
Für mich war die Woche sehr prägend und hat mir nochmal andere Perspektiven aufgezeigt und ich habe gemerkt, dass jede*r ganz individuelle Sorgen und Probleme in seinem Freiwilligendienst hat und das es ganz viele verschiedene Wege gibt damit umzugehen. Diese Erkenntnis war für mich sehr viel wert, da ich mich vorher oft mit anderen verglichen habe, anstatt zu schauen, was für mich selbst realistisch und sinnvoll ist.
Löwen auf Safari in Nairobi
Strand in Mombasa
Zurück im Projekt
Mit diesen Erfahrungen und Erkenntnissen ging es dann wieder zurück zu meinem Projekt in Nyarurema. Ich habe gemerkt, dass ich meine Freund*innen hier sehr vermisst habe. Doch nach der anfänglichen Euphorie kehrte auch schnell wieder der normale Schulalltag ein: Morgens mit den Lehrer*innen zusammen korrigieren oder Dokumente ausfüllen und nachmittags eine andere Beschäftigung suchen. Das funktionierte teilweise ganz gut, teilweise aber auch überhaupt gar nicht. Ich habe Wochen, wo ich mich am Freitag wundere, wo die Woche denn auf einmal hin ist und Wochen, wo sich am Dienstag die Zeit ins Unendliche zu ziehen scheint.
Die Lösung dazu wurde mir in einem Gespräch mit meinem besten Freund aus Deutschland klar: ich brauche mehr Hobbies. Am besten etwas, wo ich einfach den Kopf etwas abschalten und meinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Und da war meine Antwort: laufen gehen! Mit keiner vorherigen Lauferfahrung habe ich mir also ein Paar Laufschuhe geholt und bin los. Da die UV-Strahlung nachmittags sehr stark ist bin ich meistens kurz vorm Sonnenuntergang unterwegs, der hier wegen der Äquatornähe ganzjährig um die 18 Uhr liegt. Ich hatte ehrlicherweise niemals erwartet, dass es mir so gut gefällt. Nach einem sonst eher unspektakulären Tag noch eine Runde durch die umliegenden Dörfer drehen macht mir viel Spaß. Danach “ausgepowered” wieder bei meiner Unterkunft anzukommen, duschen zu gehen und etwas Leckeres kochen setzt dem Ganzen dann immer noch das Krönchen auf.
Seitdem ich regelmäßig unterwegs bin, fühle ich mich ausgeglichener und ich habe auch das Gefühl mehr Kapazitäten zu haben, um besser an die Herausforderungen des Freiwilligendienstes heranzugehen zu können.
Ich bei der Arbeit
Ein paar Kollegen und ich nach der Schule
Gedanken zum Freiwilligendienst
In Zuge dessen habe ich auch nochmal mehr über den Sinn meines Freiwilligendiensts beziehungsweise meinen Sinn hier nachgedacht. Ehrlicherweise sind die Aufgaben, die ich habe, für die Schule eigentlich recht unwichtig und füllen auch bei weitem nicht die Zeit, die ich habe. Wirklich gebraucht werde ich hier im Projekt offensichtlich nicht.
Soweit ist das auch eigentlich nicht schlimm, ich soll als Freiwilliger keine Stellen vor Ort ersetzen. Aber es gibt mir oft nicht das Gefühl, hier ein sinnvoller oder wertvoller Teil in den Schulprozessen zu sein. Manchmal nagt das sehr an meiner Motivation.
Warum sehe ich diesen Freiwilligendienst also trotzdem als etwas sehr Positives an?
Für mich ist das Ziel dieses Freiwilligendienstes, in den Kontakt mit Menschen von anderen Orte der Welt zu treten. Und dass ich dieses Jahr hier sein und die Kultur erleben darf ist einzigartig und ein enormes Privileg. Daher bin ich, auch wenn es oft nicht leicht ist, sehr dankbar für die Erfahrungen hier. Mein Vorfreiwilliger hier an der ETP, Jonathan hat es in seinem zweiten Rundbrief meiner Meinung nach sehr passend beschrieben und ich könnte keine besseren Worte finden. Er schrieb: “[...] ich habe für mich gelernt, dass ich meinen Mehrwert eben nicht aus der Arbeit ziehen muss, sondern aus den Begegnungen und den teils auch nur kleinen Erlebnissen.” Mit dieser Erkenntnis werde ich jetzt die Zeit so gut wie möglich nutzen, um noch alles an Erfahrungen mitzunehmen, was geht.
Ich werde in den nächsten Rundbriefen berichten, wie es sich weiterentwickelt.
Bis dahin: “Murakoze cyane” für eurer Interesse
Tobias
