Brasilien: 1. Rundbrief Julia Ries
Brasilien
Julia Ries
08.11.2026
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Liebe Lesende, wie versprochen folgt hier mein erster Rundbrief aus meiner Zeit in Brasilien. Nun sind schon knapp drei Monate vergangen, seitdem ich in Frankfurt am Main ins erste Flugzeug gestiegen bin. In diesem Rundbrief habe ich vor, euch von meiner aufregenden Anfangszeit zu erzählen, meiner Projektstelle und von meinem Alltag und den Erfahrungen, die ich drumherum schon machen durfte. Da ich aber gar nicht so richtig weiß, wo ich anfangen soll, beginne ich mal chronologisch mit meiner Ankunft…

die ersten Wochen

Angekommen in Cuiabá (nach ca. 24 h Reisezeit), hat meine Projektverantwortliche, eine Freundin von ihr und meiner Vorfreiwillige, die 2025/26 in meinem Projekt gearbeitet hat, mich vom Flughafen abgeholt. Kurz daraufhin machten wir einen kurzen Stopp zum Mittagessen in einem Restaurant. Und dort durfte ich direkt meine erste neue Erfahrung machen, denn in diesem Lokal wird der Teller nach dem Beladen gewogen. Ein sehr beliebtes Prinzip hier, wie ich später erfahren durfte. Danach sind wir mit dem Auto nach Rondonópolis gefahren, wo sich meine Projektstelle befindet. Nach der ungefähr dreistündigen Fahrt durfte ich meine Gastfamilie kennenlernen, bei der ich die erste Zeit leben durfte. Im Laufe der ersten Woche war ich dann schon ein paar Mal kurz im Projekt, um meine Kolleginnen und einen Teil der Kinder kennenzulernen. Einige sind direkt auf mich zugekommen und haben mich mit stürmischen Umarmungen begrüßt. In meinen ersten Wochen haben mich die Eindrücke komplett überflutet, wie erwartet und erst im Nachhinein konnte ich einige Dinge so richtig verstehen. Umso dankbarer war ich meiner Vorfreiwilligen, die mir einige „Tricks“ gezeigt hat und mir vieles erklärt und übersetzt hat.

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Meine Gasteltern mit meinem einen Gastbruder Felipe

Projekt

Nun Genaueres zu meiner Einsatzstelle: Ich darf in meinem Freiwilligendienst bei „KoBra“, Koblenzer Brasilienverein, mitarbeiten. Einem Projekt, das mittlerweile schon seit über 40 Jahren in Rondonópolis mit Kindern und Jugendlichen aus armen Verhältnissen arbeitet und versucht, ihnen bessere Bildungs- und somit auch Zukunftschancen zu ermöglichen. Im Projekt selbst gibt es mehrere Teilbereiche. Von Patenkindern nach Deutschland, bis zu Kursen, wie beispielsweise Englisch- und Computerkursen, bis hin zu Jugendzentren. Letzteres ist der Bereich, in dem ich am meisten aktiv bin. Derzeit gibt es im Projekt zwei Zentren, die jeweils etwas außerhalb des Stadtkerns liegen. Nach den Stadtteilen benannt heißen die Treffpunkte Padre Lothar und Alfredo. Dort kommen einmal vormittags und einmal nachmittags Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren hin. (Angelehnt daran, wie das Schulsystem hier aufgebaut ist. Denn einige Kinder gehen morgens und andere gehen nach dem Mittagessen zur Schule. Die jeweils eine Hälfte ist dann vor oder nach dem Unterricht bei uns.) Pro Gruppe kommen täglich ungefähr 25-35 Teilnehmende. Der Ursprungsgedanke der Zentren war es, den Kindern eine Unterstützung bei ihren Hausaufgaben zu liefern, da nicht alle dieselben Bedingungen zu Hause haben.

Inzwischen geht die Betreuung darüber jedoch hinaus. Es gibt immer auch Aktivitäten, die von den Betreuerinnen vorbereitet wurden und thematisch an naheliegende Festlichkeiten oder sonstige Anlässe angelehnt sind. An einem Tag der Woche gibt es außerdem auch Capoeira-Unterricht für alle Kinder, die mitmachen wollen (dienstags in Alfredo und mittwochs in Padre Lothar). Capoeira ist eine brasilianische Kampfkunst, die aus der Kolonialzeit in Brasilien stammt. Sie bietet den Kindern im Zentrum eine zusätzliche Verbindung von sportlicher Aktivität mit musikalischen Einheiten. Das erste Mal, als alle Kinder zusammen im Chor gesungen und im Rhythmus ihre Hände geklatscht haben, war ich beeindruckt. Ich fand es echt erstaunlich, wie teilweise schon sechs- oder siebenjährige auf einem Tamburin (einer Trommelart) Rhythmen für den ganzen Saal vorgaben. Aus dem „Lärm“, der eigentlich konstant in dem Raum des Zentrums herrschte, wurde auf einmal ein Gesang und alle wussten automatisch, wann was gesungen wird.

Abgesehen von diesen feststehenden Aktivitäten im Laufe der Woche, wird beispielsweise öfter auch ein kleines Theaterstück von einzelnen Kindern eingeübt, wir besuchen zusammen einen nahegelegenen Spielplatz oder geht auf ein Picknick in den Stadtpark. Außerdem gibt es im Rahmen des Projekts an einigen Tagen im Monat auch Präsentationen für die Eltern der Kinder und die Kolleginnen des Projekts, zur Aufklärung und Weiterentwicklung.

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Stuhlkreis im Zentrum Alfredo

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Minifußball im Zentrum Alfredo

Alltag im Projekt

Da der grobe Überblick über das Projekt nun vorhanden ist, folgt jetzt der Ablauf meines Alltags, der sich in den letzten Monaten gefestigt hat. Montags ist das Programm immer etwas unterschiedlich, aber generell gibt es folgende Struktur: Es beginnt meistens mit einem Teammeeting morgens, darauf folgen dann Schulbesuche der Kinder und nachmittags manchmal Hausbesuche der Eltern.

An den drei Tagen (Di., Mi., Do.), an denen die Treffen in den Jugendzentren stattfinden, stehe ich um sechs Uhr auf, frühstücke schnell und werde dann ca. kurz vor sieben von meiner Projektverantwortlichen abgeholt. Zusammen fahren wir dann in das „Büro“. Dies ist der Haupttreffpunkt des Projektes und der Arbeitsplatz von einigen Kolleginnen. Nach einem kurzen Austausch und ein bisschen Kaffee, teilen wir uns auf die beiden Jugendzentren auf. Dort beginnt das dreistündige Programm um 8:30 Uhr für die Kinder. Ich helfe den Betreuerinnen bei der Umsetzung ihrer geplanten Aktivitäten, bei denen die Kinder meistens etwas Kleines schreiben, malen oder basteln sollen. Ansonsten helfe ich bei Festlichkeiten bei der Dekoration des Raumes oder gestalte Plakate mit ein paar Kindern. Es ist auch geplant, dass ich einzelne Aktivitäten mit den Kindern machen werde, dafür bin ich schon am Planen.
Ungefähr nach der Hälfte gibt es dann ein „lanche“ (Snack) für alle, dort helfe ich beim Austeilen und Versorgen jeglicher Bedürfnisse der Kinder. Inzwischen verstehe ich auch fast immer, was ein Kind von mir braucht.

Die Verständigung mit den Kindern fiel mir am Anfang natürlich nicht so leicht, vor allem, weil ich fast ausschließlich damit beschäftigt war, neugierige Fragen der Heranwachsenden zu beantworten. Meistens habe ich dann geraten, was sie meinen könnten, aus den Bruchstücken, die ich verstanden habe. Inzwischen würde ich aber behaupten, dass ich generellen Gesprächen gut folgen kann. Wenn aber die Schützlinge in ihrer Jugendsprache untereinander oder zu mir sprechen, ist mir manchmal immer noch nicht so ganz klar, was sie meinen. Interessante Fragen, die ich aber verstanden habe, waren zum Beispiel: „Hast du Kinder?“, „Sprichst du Japanisch?“ und die witzigste Frage meiner Meinung nach: „Bist du mit dem Bus gekommen?“. Inzwischen bin ich mir bewusst, dass einige dieser Fragen von den Lebensrealitäten vieler Kinder geprägt sind und auch von der Wahrnehmung ausländischer Menschen, die zu ihnen zu Besuch kommen.

Da das Projekt immer noch aktiv mit Deutschland verknüpft ist, kommen öfter mal Besuchende aus Deutschland zu den Kindern. Beispielsweise war Anfang September ein Team aus drei Männern aus Bayern für zwei Tage zu Gast. Dieser Besuch war für mich auch sehr interessant, weil ich meine Position als deutsche Freiwillige in einem Projekt in Brasilien besser betrachten konnte, durch die Perspektive der Besucher und deren Fragen auch an mich. Ich habe außerdem bemerkt, wie einige Situationen auf Personen wirken können, die damit noch nicht oft konfrontiert wurden. In den Wochen, die darauf folgten, habe ich nämlich auch bei mir selbst wiederkehrend bemerkt, dass wir dazu neigen, etwas aus einer vermeintlich höhergestellten Position zu betrachten. Und bei Themen wie Umweltschutz und gewaltfreie Erziehung beispielsweise fällt es einem leicht, direkt zu denken, man wisse es besser. Es ist jedoch auch wichtig, vor allem als Freiwillige, Verständnis zu haben und Rücksicht zu nehmen auf Menschen mit anderen Lebensgrundlagen. Daraufhin versuche ich jetzt, mehr zu beobachten und weniger direkt zu urteilen oder zu bewerten, wie es bei mir zu Hause im Vergleich wäre. (In den Vorbereitungsseminaren wurden wir mit diesen Themen auch schon konfrontiert, wenn wir jedoch dann in einer solchen Situation sind, fällt es uns schwerer, diese Verhaltensmuster direkt zu erkennen.)

Zurück aber zum Tagesablauf: Nach den drei Stunden vormittags, geht es für mich dann nach Hause in meine Mittagspause von ca. 11-13 Uhr. In dieser Zeit esse ich meistens mit meiner Gastfamilie zu Mittag. Traditionell gibt es jeden Tag „arroz com feijão", also Reis mit Bohnen und meistens Fleisch und Salat dazu. Anfangs ist, glaube ich, jede freiwillige Person überrascht davon, wie man jeden Tag das Gleiche zum Mittagessen essen kann. Es fällt einem aber leichter, sich daran zu gewöhnen, als zunächst gedacht. Und da ich glaube, dass es mir viel Kopfzerbrechen ersparen könnte, habe ich mir fest vorgenommen, diese Angewohnheit zu übernehmen.

Nach dem Essen entspanne ich mich ein wenig von der Lautstärke, die die Kinder produzieren können und mache mich auf die zweite Runde gefasst. Denn um kurz vor 13 Uhr werde ich wieder abgeholt und das Programm beginnt erneut von 13:30 bis 16:30 für die Nachmittagskinder. Wenn ich danach um ca. fünf Uhr nach Hause komme, bin ich fast jedes Mal bereit, direkt schlafen zu gehen.

So anstrengend diese drei Tage am Stück auch sein mögen, so sehr liebe ich es, mit den Kindern zu arbeiten, und es ist wirklich sehr schön, ihnen zuzusehen, wie sie an ihren Aufgaben wachsen. Und auch von den pädagogischen Betreuerinnen habe ich schon einige Tricks lernen können, um eine Gruppe von über 30 Kinder zur Ruhe zu bringen. Denn das ist nicht so einfach wie es klingt. Ein präsentes Thema in dem Zusammenhang ist, dass einige Kinder, die ins Zentrum kommen, Verhaltensauffälligkeiten und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten haben. Zusätzlich haben viele Kinder es zu Hause nicht leicht und lassen ihre Energie dann in der Schule oder im Zentrum raus. Dies bereitet den Betreuerinnen zusätzlich Schwierigkeiten, den Raum leise zu bekommen. Umso wichtiger ist dieses Projekt und die Partizipation dieser Kinder dort, meiner Meinung nach. Und dabei bin ich den Betreuerinnen unglaublich gerne eine Unterstützung.

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Plakatgestaltung im Zentrum Padre Lothar

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Ausmalaktivität im Zentrum Padre Lothar

Freizeit

Meistens habe ich dann Freitag bis Sonntag frei. Bis vor kurzem habe ich Freitag morgens noch meinen Sprachkurs gehabt. Und Samstag morgens besuche ich manchmal den Deutschkurs, der im Büro von KoBra angeboten wird. Ansonsten hatte ich vor allem in der Anfangszeit nicht oft die Gelegenheit, außerhalb von meinen Aktivitäten im Projekt, das Haus zu verlassen. Im ersten Monat beispielsweise war ich kein einziges Mal allein draußen und Spaziergänge durch die Nachbarschaft oder einen Wald, wie ich es aus Deutschland kenne, haben mir echt gefehlt. Das Thema Sicherheit ist für Freiwillige hier ein großes Thema und wird mich voraussichtlich auch im ganzen Jahr begleiten.

Umso froher war ich, die ersten Monate bei einer Gastfamilie verbringen zu dürfen und in meiner freien Zeit von einigen Menschen umgeben zu sein. Ich hatte nämlich vorher die Befürchtung, dass ich mich schnell allein fühlen könnte. Aber das ist in einer brasilianischen Großfamilie, zu der die halbe Nachbarschaft gehört, nicht der Fall. Ich habe Wochen gebraucht, um alle kennenzulernen. Meine Gastmutter hat mich ein paar Tage nach meiner Ankunft schon in einige Supermärkte mitgenommen, damit ich mal einen Eindruck davon bekomme. Ich war direkt total begeistert von den ganzen Früchten und dem Gebäck, das es zu kaufen gibt. In dem Zusammenhang habe ich sowohl bei meiner Gastfamilie als auch im Projekt schnell gemerkt, wie man hier dazu tendiert, viel Zucker zu sich zu nehmen. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so viel Torte und Süßgetränke konsumiert wie in meinen ersten Monaten hier. Somit war einer der ersten Sätze neben „muito quente“ (sehr heiß), „muito doce“ (sehr süß).

Die erste Formulierung werde ich wahrscheinlich in Bezug auf das Wetter nicht erklären müssen. Gerade befinden wir uns zwar noch in der Trockenzeit und somit im Winter hier, trotzdem habe ich auch schon die ein oder andere Hitzewelle mitbekommen, wo die Temperaturen an die 40 Grad anstiegen. Umso erstaunter war meine Gastfamilie, als sie herausgefunden hat, dass ich die Klimaanlagen in meinem Zimmer gar nicht benutze. Inzwischen ist es aber zum Witz geworden in der Familie, dass mir nicht so schnell warm wird. Und auch wenn ich dem nicht ganz widersprechen kann, finde ich die gelegentliche Abkühlung in einem Schwimmbad hier toll. In der Region, in der ich lebe, gibt es zudem einige Wasserfälle, die mir meine Projektverantwortliche in meiner Freizeit gezeigt hat.

Ich schätze mich wirklich sehr glücklich für die ganzen Erfahrungen, die ich bis jetzt machen durfte und hoffe auf noch viele weitere lehrreiche. Meiner Gastfamilie und den Kolleginnen im Projekt, die mich von Anfang an sehr herzlich empfangen haben, bin ich auch sehr dankbar. Mein nächster Schritt wird jetzt sein, in eine eigene Wohnung zuziehen. Auch wenn der Trubel meiner Gastfamilie mir sicher fehlen wird, freue mich schon darauf, zum ersten Mal allein zu leben.

Até a próxima vez, tchau!

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Aussichtspunkt an der "Rodovia do Peixe"

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Wasserfälle "Cachoeira do Prata"